Der Klimawandel, die Sicherung der Energieversorgung und die Nachhaltigkeit unseres Konsumverhaltens sind einige der zentralen Herausforderungen unserer Zukunft. Diese Probleme sind nur mit geeigneten ökonomischen Rahmensetzungen zu bewältigen. Das folgende Interview mit Angelika Zahrnt ist in gekürzter Fassung in der Zeitschrift "Ökologisches Wirtschaften" 1/2009, erschienen.
Angelika Zahrnt: Wirtschaftliche Prozesse und die dahinter stehenden Konsummuster sind derzeit die wesentlichen Verursacher von Nachhaltigkeitsproblemen. Der Raubbau als wirtschaftliches Prinzip ist nicht nachhaltig. Auch unter ökonomischen Gesichtspunkten nicht. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Anschauungsmaterial und historische Erfahrungen gibt es hinreichend. Der Stern-Report und der Sukhdev-Report haben die Aufgabe unternommen, dieses Wissen umfassend zu quantifizieren. Das ist methodisch durchaus abenteuerlich – und trotzdem sinnvoll. Denn in einer von der Ökonomie und ökonomischen Argumenten bestimmten Zeit haben quantitative Berechnungen eben besonderes Gewicht. Dass Ökonomen sich jetzt an die Bezifferung der Folgeschäden des Wirtschaftens machen und aus ökonomischen Gründen für Vorsorgemaßnahmen plädieren, halte ich für eine überfällige Bringschuld dieser Disziplin. Wobei es zuvor schon Ökonomen gab, die hier aktiv waren, aber weder von ihren Kollegen geschätzt noch von Politikern gehört wurden. Das hat sich zum Glück unter dem Problemdruck des Klimawandels geändert.
Die Wirtschaftswissenschaften haben die Probleme in den letzten 20 Jahren wesentlich verschärft und beschleunigt, in dem sie auf Deregulierung gedrungen haben, international und national. Der Glaube an die Weisheit der Märkte hat durch die Krise der Finanzmärkte allerdings gelitten und wird die nötige Neuordnung des Verhältnisses von Ordnungsrahmen und Marktprozessen erleichtern.
Hilfreich hierbei sind die (nicht neuen) Erkenntnisse der Ökonomie über externe Effekte und die Versuche, diese über neue Instrumente wie die ökologische Steuerreform oder Emissionshandelssysteme in wirtschaftliches Handeln zu integrieren. Wichtig war auch die Entwicklung von Umweltmanagementsystemen und ihre Standardisierung. Jetzt steht die Weiterentwicklung zum Nachhaltigkeitsmanagement an. Darüber hinaus sind verstärkt nicht nur fachliche Querverbindungen sondern auch regionale Vernetzungen nötig, um z.B. in regionalen Kompetenzzentren betriebsübergreifend Effizienzpotentiale zu nutzen oder soziale Angebote, z.B. in der Kinderbetreuung zu machen.
Angelika Zahrnt: Ich denke, dass in Zukunft neben der Betriebswirtschaft mit ihrer starken Ausrichtung auf Effizienz die Volkswirtschaft mit ihren gesamtgesellschaftlichen Fragestellungen mehr Gewicht bekommen wird. Allerdings muss gerade auch die Volkswirtschaftslehre ihre bisherige Ausrichtung am neoliberalen Mainstream überprüfen. Die ökologische Ökonomie hat jetzt eine große Chance, stärker Einfluss zu nehmen. Dazu ist es aber nötig, weitreichende neue Konzepte zu entwickeln: Wie sieht eine steady state economy aus – eine Wirtschaft, die nicht auf Wirtschaftswachstum ausgerichtet ist und entsprechende soziale Sicherungssysteme, die nicht vom Wirtschaftswachstum abhängig sind? Wie könnte ein neuer Wirtschaftsindikator aussehen an Stelle des fragwürdigen Bruttoinlandsprodukts? Wie soll die Arbeitswelt neu organisiert werden, wenn Vollbeschäftigung über Wirtschaftswachstum offensichtlich nicht erreicht werden kann? Wie kann Ökonomie nicht nur Markt-Ökonomie, sondern auch die informelle Wirtschaft in den Blick nehmen?
Angelika Zahrnt: Technische Innovationen haben bei Politikern einen hohen Stellenwert. Sie sind konkret, vorzeigbar, man kann sich mit ihnen zeigen. Sie legen eine einfache Problemlösung nahe, das neue spritsparende Auto ersetzt das alte. Wie viel unübersichtlicher und mühsamer sind soziale Maßnahmen, wie z.B. Spritsparkurse oder Car-Sharing-Initiativen.
Angelika Zahrnt: Innovationen sind oft ungeplant, aber doch zumeist im Rahmen von Forschungsprogrammen, im Zusammenhang mit betrieblichen Problemen, gezielten politischen Fragestellungen. Deshalb ist es sinnvoll, die bisherigen Maßnahmen der Innovationsförderung auch für Innovationen, die sich an Nachhaltigkeit ausrichten, einzusetzen: Forschungsprogramme, Wettbewerbe, Preise.
Angelika Zahrnt: Eine öko-soziale Marktwirtschaft bedeutet, dass es ökologische und soziale Rahmenbedingungen gibt. Diese angemessen zu stimmen (statt abzuwehren), könnte Aufgabe von Wirtschaftswissenschaften sein. Innerhalb dieses Rahmens – der aus ordnungsrechtlichen und marktwirtschaftlichen Instrumenten besteht – hat der Markt als effizientes Koordinierungsmittel dann eine wichtige Funktion.
Angelika Zahrnt: Die Freiheitsidee darf sich ja nicht nur auf die jetzige Generation und die Menschen in der Bundesrepublik beziehen. Das ist ja der Kerngedanke der Nachhaltigkeit: Unsere Freiheit hat ihre Begrenzung in den Freiheitsgraden, die wir künftigen Generationen ermöglichen und in den Überlebens- und Entwicklungsnotwendigkeiten der Menschen in armen Ländern.
Die "Ökodiktatur" ist ein gern bemühtes Schreckgespenst. Das Ziel von Nachhaltigkeit ist, die ökologische Begrenzung zu respektieren und einen weltweiten Ausgleich zu erreichen mit möglichst vielen Freiheitsgraden. Aber Grenzen zu respektieren und Klimaziele einzuhalten, kann von manchen Menschen schon als Einschränkung ihrer Freiheit betrachtet werden, wenn z.B. Flugreisen teurer werden. Allerdings – wenn z.B. Klimaschutz nicht erfolgreich umgesetzt wird, sind die Freiheiten der Menschen in Küstengebieten, die überschwemmt werden, nicht vorhanden und ihr Leben gefährdet.
Angelika Zahrnt: Zielkonflikte gibt es in Politik, Wirtschaft und persönlichem Alltag, das Abwägen auch. Je komplexer die Probleme sind, desto wichtiger sind transparente Verfahren zur Abwägung. Da können Wirtschaftswissenschaften hilfreich sein. Aber in die Bewertung gehen dann Wertentscheidungen ein. Es ist eine (inzwischen überholte) Illusion, dass noch so ausgefeilte Kosten-Nutzen-Analysen diese Wertentscheidungen ersetzen können. Dies trifft insbesondere auf extreme Szenarien zu, bei denen Unsicherheiten und Kettenreaktionen nicht realistisch einzuschätzen sind. Deshalb muss hier noch stärker das Vorsichtsprinzip zur Geltung kommen, da diese Prozesse nicht graduell sind und wie z.B. beim Klimawandel nicht umkehrbar (und daher kein Gegensteuern möglich ist).
Angelika Zahrnt: Klimaschutz als Vorsorgeprinzip muss in wirtschaftlichen Entscheidungsmechanismen berücksichtigt werden und über ordnungsrechtliche Vorgaben wie z.B. Grenzwerte für den CO2-Ausstoß von Automobilen oder über den Emissionshandel.
Angelika Zahrnt: Der Finanzsektor könnte eine wichtige Rolle spielen, indem er in die Bewertung von Finanzanlagen einbezieht, inwieweit eine Firma Teil des Problems oder Teil der Lösung ist. Die Nachfrage nach ethischen Geldanlagen steigt und ist auch eine Chance für den Umbau der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit.
Die Rückversicherer haben in der BRD mit ihrer langjährigen statistischen Beobachtung der Schadensfälle eine wichtige Rolle gespielt, als viele den Klimawandel noch für eine Marotte von Umweltschützern hielten. Sie sind jetzt auch engagiert in der Entwicklung neuer Finanz- und Versicherungsprodukte, die – so gut wie möglich – einzelne gegen Folgen des Klimawandels absichern sollen, gerade in den Ländern des Südens.
Angelika Zahrnt: Man muss die vorhandenen nationalen und regionalen Gestaltungsräume für nachhaltiges Wirtschaften nutzen und gleichzeitig die Globalisierung so gestalten, dass sie zeitgemäß ist, d.h. nachhaltiger Wirtschaft dient. Das schreibt sich natürlich leicht – aber alles deutet darauf hin, dass die primär von privaten wirtschaftlichen Interessen getriebene Globalisierung in eine Sackgasse geraten ist.
Angelika Zahrnt: Die beste Verbreitungsstrategie für nachhaltiges Wirtschaften ist, Lösungen im eigenen Land umzusetzen – wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zeigt.
Angelika Zahrnt: Vielleicht muss man auch beim Patentschutz neue Regelungen für einen Interessenausgleich finden. Denn es hilft wenig, in den Industrieländern die Patente für klimafreundliche Lösungen zu haben, die in der dritten Welt nicht umgesetzt werden können. Eine ähnliche Thematik gibt es ja auch bei den Arzneimitteln. Und wir brauchen zugängliche Arznei gegen den Klimawandel.
Angelika Zahrnt: Auch Ökonomen haben sich inzwischen von der Modellfigur des homo oeconomicus, des rational entscheidenden Verbrauchers, verabschiedet und die Vielfalt von Einflussgrößen beim Kaufentscheid anerkannt. Trotzdem bleibt der Preis ein zentraler Faktor, der allerdings externe Kosten einbeziehen sollte. Hier ist allerdings noch stärker der Preis über den ganzen Lebenszyklus zu berücksichtigen und wirtschaftliche Faktoren wie Reparierfähigkeit, Aufrüstmöglichkeiten etc. Ökonomen könnten dazu beitragen, dass der Spruch "Geiz ist geil" nicht mehr als das Motto eines cleveren smarten Verbrauchers angesehen wird, sondern als Motto eines kurzsichtigen und rücksichtslosen Verbrauchers gilt.
Angelika Zahrnt: Der Beitrag der Wirtschaftswissenschaften für eine Verstärkung des nachhaltigen Konsums ist wesentlich in einem Beitrag zu interdisziplinären Projekten mit Soziologen, Psychologen und Praktikern zu sehen. Dabei steht der Abschied von der Modellfigur des homo oeconomicus, des rational entscheidenden Verbrauchers, an. Im Marketing wird hier längst von einem anderen Konsumentenbild ausgegangen. Welche der vielfältigen Einflussfaktoren eine stabile Umorientierung auf nachhaltigen Konsum ermögli-chen, bei verschiedenen Zielgruppen, ist eine der zentralen Fragen.
Angelika Zahrnt: Die Förderinitiative kann das Umsteuern in Richtung Nachhaltigkeit unterstützen, indem das Instrumentarium der Wirtschaftswissenschaften angewandt wird, um neue Zielkonflikte z.B. bei Erneuerbaren Energien in ihrer Vielschichtigkeit zu analysieren und um Rückkopplungsprozesse sichtbar zu machen. Auch in Fragen der Optimierung und Risikoabschätzung im Zusammenhang mit nachhaltigen Nutzungsmustern und langfristigen Investitionsentscheidungen können Wirtschaftswissenschaften wichtige Beiträge leisten. Das bedeutet zum Einen, Methoden der Wirtschaftswissenschaften auf neue Fragestellungen anzuwenden und auch neue Methoden zu entwickeln. Die Fragestellungen werden sich mit oft vernachlässigten Themen der Ökonomie, wie Langfristigkeit, Vorsorge und Risiko, Beständen statt Fließgrößen beschäftigen. Eine Herausforderung ist es, in das systemische Denken – dass Wirtschaftswissenschaftler ja durchaus geübt sind / sein sollen – auch stärker naturwissenschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge einzubeziehen.
Angelika Zahrnt: Diese Frage sollte in den Forschungsprogrammen selbst reflektiert und Vorschläge hierzu gemacht werden. Denn sonst besteht die Gefahr, dass der Weg von der Forschung zur Umsetzung im Vagen bleibt und die Forschung akademische Übung, gut, um den Erkenntnisprozess weiter voranzubringen, aber ohne unmittelbare Wirkung für Nachhaltigkeitspolitik und Nachhaltigkeitspraxis.
Das Interview führten Thomas Schulz und Ralph Wilhelm.
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