Workshop „Sustainability Economics“

13.06.2010 - 15.06.2010 | Berlin

Im Fokus des gemeinsam von der Syntheseforschung Wirtschaftswissenschaften für Nachhaltigkeit und dem Lehrstuhl für Nachhaltigkeitsökonomie der Universität Lüneburg organisierten internationalen Workshops „Sustainability Economics“ standen die Fragen nach den genuinen Charakteristika und dem spezifischen konzeptionellen Rahmen einer „Nachhaltigkeitsökonomie“.

Für die Auseinandersetzung mit diesem Thema konnte eine internationale Gruppe hochkarätiger Wissenschaftler gewonnen werden. In ihren Beiträgen, die sich mit der Abgrenzung des Nachhaltigkeitskonzepts aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive befassten, wurden insbesondere verschiedene Aspekte von Verteilungsgerechtigkeit und dem Umgang mit Unsicherheit thematisiert. Dabei wurde von vielen Referenten der Klimawandel als wichtiger Anwendungsfall für eine Auseinandersetzung mit dem Konzept der Nachhaltigkeit aufgegriffen. Neben den perspektivischen Gemeinsamkeiten der verschiedenen Beiträge wurde durch deren breites Themenspektrum auch die Weite des von der Nachhaltigkeitsökonomie abgedeckten Forschungsbereichs deutlich.

 


Einleitend verwies Stefan Baumgärtner (Universität Lüneburg) in seinem Impulsreferat einerseits auf die Neuartigkeit der Bezeichnung „Nachhaltigkeitsökonomie“ und andererseits auf deren ideengeschichtliche Wurzeln im Denken klassischer Ökonomen wie John Stuart Mill, in den Auseinandersetzungen im Rahmen der „Grenzen des Wachstums“-Debatte sowie in der Entwicklung der Ökologischen Ökonomie. Forschungsgegenstand der Nachhaltigkeitsökonomie seien Mensch-Natur-Beziehungen. Die langfristige Orientierung und die Anerkennung der Unsicherheit zukünftiger Entwicklungen stellten dabei konstitutive Eigenschaften dieser ökonomischen Subdisziplin dar. Das übergeordnete Ziel einer effizienten Allokation von natürlichen Gütern und Dienstleistungen sowie deren nicht-natürlicher Substitute, also das Streben nach Vermeidung von Verschwendung, kennzeichne deren spezifisch wirtschaftswissenschaftlichen Zugang zu Forschungsfragen mit Nachhaltigkeitsbezug. Die normative Basis der Nachhaltigkeitsökonomie stelle das Streben nach Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und Wünsche sowie nach einem gerechten Interessenausgleich sowohl zwischen Menschen innerhalb einer Generation und zwischen verschiedenen Generationen als auch zwischen Mensch und Natur dar.

Richard Howarth (Dartmouth College) betonte, dass das Konzept der Nachhaltigkeit seit der Veröffentlichung des Brundtland-Reports sowohl in der Umwelt- und Ressourcenökonomie als auch in der Ökologischen Ökonomie eine wichtige Rolle spiele. Nachhaltigkeit stelle dabei den Vorrang des Schutzes der Rechte zukünftiger vor die Maximierung der Wohlfahrt aktueller Generationen. In diesem Zusammenhang verwies Howarth auf das Nachhaltigkeitskonzept des Stewardships und dessen umweltpolitische und umweltrechtliche Grundlagen. Aus dieser Perspektive stellten natürliche Ressourcen das gemeinsame Eigentum aktueller und zukünftiger Generationen dar. Daraus folge, dass kein Recht existiere, nachfolgenden Generationen unkompensierte Umweltkosten aufzubürden.
Vor diesem Hintergrund habe in den letzten Jahren verstärkt eine Auseinandersetzung mit dem Klimawandel bzw. der Möglichkeit einer Klimakatastrophe stattgefunden. Die meisten der angewendeten deterministischen integrierten Bewertungsmodelle hätten dabei die gesellschaftlichen Risiko- und Zeitpräferenzen nur unzureichend berücksichtigt. Dies habe sich in letzter Konsequenz auch in deren Schlussfolgerungen niedergeschlagen. Howarth nutzte ein auf Nordhaus’ DICE-Modell basierendes dynamisches stochastisches allgemeines Gleichgewichtsmodell, um zu zeigen, dass die Vernachlässigung einer angemessenen Risikoberücksichtigung zu einer substantiellen Unterschätzung des Nutzens der Verringerung von Treibhausgasemissionen führe. Weniger ambitionierte als bspw. die im Stern-Review empfohlenen Strategien zur Verringerung des Treibhausgasausstoßes, um den Klimawandel zu begrenzen, ließen sich nur dann rechtfertigen, wenn man die Unsicherheiten bezüglich der Entwicklung des Klimasystems und des Kohlenstoffkreislaufs sowie mögliche wirtschaftliche Schäden vernachlässige und unrealistisch hohe Konsumdiskontraten verwende. Dabei sei für die Bewertung des Klimawandels die Berücksichtigung von Unsicherheit im Vergleich zur Wahl der korrekten Diskontrate von größerer Bedeutung.

Die Stewardship-Perspektive unterstütze Anstrengungen, die darauf abzielen, das Klima zu stabilisieren, um nicht-kompensierte Kosten für zukünftige Generation zu vermeiden. Dies stehe Nordhaus’ Position entgegen, der dies für ineffizient halte, weil die Klimastabilisierung eine vergleichsweise geringe Rendite generiere. Deterministische Modelle unterschätzen Howarth zufolge den Nutzen von Maßnahmen, die auf eine Stabilisierung des Klimas abzielen, erheblich. Eine angemessene Berücksichtigung der Risiken führe hingegen zu einem Ausgleich der angestrebten Ziele von ökonomischer Effizienz und intergenerationaler Gerechtigkeit.


Frank Krysiak (Universität Basel) beschrieb zwei Wege, auf denen man die Frage nach den Charakteristika einer Nachhaltigkeitsökonomie erörtern könne. Zum einen sei dies wie im Beitrag von Baumgärtner auf einer theoretischen Ebene möglich. Alternativ könne dies aber auch, wie von einigen Referenten präferiert, durch die Bearbeitung eines spezifischen Problems mit Nachhaltigkeitsbezug erfolgen. Hierbei sei zu fragen, welchen Beitrag das Konzept der Nachhaltigkeit bei der ökonomischen Bewertung dieses Problems leisten könne. Krysiak untersuchte konkret, welchen Unterschied die Berücksichtigung des Konzepts der Nachhaltigkeit bei der Abschätzung der Kosten des Klimawandels mache. Dieses Thema sei durch den langen zu betrachtenden Zeithorizont, den hohen Grad an Unsicherheit sowie der stark abweichenden zeitlichen Verteilung von Kosten und Nutzen der durchzuführenden Maßnahmen ideal für eine solche Untersuchung geeignet. Eine Evaluierung von Klimapolitik müsse nicht nur intra- und intergenerationale Verteilungsfragen, sondern auch die Unsicherheit berücksichtigen, die sich sowohl aus der Vorhersage deren Ergebnisse als auch der zukünftigen Bewertung dieser Effekte ergebe. Krysiak stellte fest, dass sich die regelmäßigen Verweise auf Nachhaltigkeit und intergenerationale Gerechtigkeit bislang nicht auf breiter Front in der Modellierung der ökonomischen Folgen des Klimawandels niedergeschlagen haben. Im Rahmen aktueller Analysen seien eher Anpassungen einzelner Parameter als ganzer Modelle vorgenommen worden. Die ökonomischen Modelle des Klimawandels leiden darüber hinaus häufig unter zu starken Vereinfachungen. Da zumeist kein Unterschied zwischen Individuen, die zu unterschiedlichen Zeiten leben, gemacht werde, könne üblicherweise nicht sowohl dem Konzept der Konsumentensouveränität als auch dem der intergenerationalen Gerechtigkeit Rechnung getragen werden. Ein bedeutender Teil der Stern-Nordhaus-Kontroverse sei hierauf zurückzuführen. Hinzu komme, dass der Versuch der Berücksichtigung von Unsicherheit eine Vielzahl von ungewollten Nebeneffekten generiere.

Krysiak zeigte, dass die gleichzeitige Berücksichtigung von Konsumentensouveränität und intergenerationaler Gerechtigkeit möglich sei. Dieses Vorgehen führe zu sozialen Zeitpräferenzen, die in der kurzen Frist den orthodoxen Ansätzen ähneln, aber in der langfristigen Perspektive die Stern’sche Argumentation stützen. Selbst bei Verwendung des DICE-Modells könne die Berücksichtigung von intergenerationaler Gerechtigkeit die Hälfte der Unterschiede der von Stern resp. Nordhaus erwarteten Schäden erklären. Für den Umgang mit Unsicherheit sprach sich Krysiak gegen das Entscheidungskriterium des erwarteten Nutzens und für alternative Ansätze aus. Er identifizierte eine Reihe kritischer Fragen, auf die die Nachhaltigkeitsökonomie andere Antworten bereithalte als konventionelle, ausschließlich auf Effizienz fokussierte Ansätze. Er zeigte, wie die Berücksichtigung des Nachhaltigkeitskriteriums nicht nur die Ergebnisse der ökonomischen Bewertung des Klimawandels sondern auch den Problemfokus per se verändert.

Geoffrey Heal (Columbia University) beschäftigte sich mit den Fragen, wie Ökonomen bislang Unsicherheit in auf den Klimawandel bezogene Analysen berücksichtigen und wie sie dies tun sollten. Ausgangspunkt von Heals Analyse war die Feststellung, dass es eine Vielzahl verschiedener Klimawandelmodelle gibt, von denen nicht bekannt sei, welches den Prozess am besten simuliert. Es sei keine Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion definiert, auf deren Grundlage sich Ökonomen für das eine oder andere Modell als Basis für die Bestimmung einer optimalen Klimapolitik entscheiden könnten. Die aktuelle Situation sei demnach in Bezug auf die Klimaveränderung und deren gesellschaftliche Folgen eher durch Ungewissheit (ambiguity) als durch ein näher bestimmtes Risiko im engeren Sinne gekennzeichnet. Dies sei ähnlich für andere Umweltprobleme wie bspw. die Abnahme der Biodiversität. Unter dieser Art von Unsicherheit sei davon auszugehen, dass Voraussetzungen für die Anwendung der Erwartungsnutzentheorie verletzt seien. Daher sei die Verwendung eines Konzepts der Aversion gegenüber Ungewissheit (ambiguity aversion), der Abneigung unbekannte Risiken einzugehen, notwendig, um gesellschaftliche Entscheidungen im Sinne der Nachhaltigkeit zu treffen. In diesem Zusammenhang seien in letzter Zeit verschiedene alternative axiomatische Systeme für die Bestimmung einer nachhaltigen Klimaschutzstrategie entwickelt worden, die diese Ungewissheit berücksichtigten (Klibano et al. 2005/2009). Heal nutzte für seine Untersuchung sowohl ein statisches als auch ein dynamisches Modell. Er zeigte zunächst in einem statischen Rahmen die Bedingungen auf, unter denen eine Zunahme der Aversion gegenüber Ungewissheit das optimale Niveau von Klimaschutzmaßnahmen erhöht. Die Anwendung einer die Uneindeutigkeit berücksichtigenden Version von Nordhaus’ (dynamischem) DICE Modells zeigte, dass der Wert der Verringerung von Treibhausemissionen mit dem Anstieg der Aversion gegenüber Ungewissheit zunimmt. Insgesamt habe diese Art von Aversion unter bestimmten Bedingungen einen signifikanten Effekt auf die Bewertung von Treibhausgasminderungen. Sie führe zu einer stärkeren Gewichtung nachteiliger Ergebnisse und damit tendenziell zu einem höheren Niveau der anzustrebenden, optimalen Verringerung von Treibhausgasen. Das Konzept der ambiguity aversion könne somit eine neue Grundlage für das Vorsichtsprinzip darstellen.

Den Ausgangspunkt für Ann Kinzigs (Arizona State University) Beitrag stellte die Beobachtung dar, dass die Umwelt zunehmend als Anbieter von Dienstleitungen, die indirekt oder direkt zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse beitragen, betrachtet werde. Hinzu komme, dass die durch Menschen verursachten Veränderungen der Umwelt in Entscheidungsfindungsprozessen oft nur unzureichend beachtet werden. Dies gelte v.a. dann, wenn die Folgen für die Bereitstellung von Ökosystemdienstleitungen in größeren Entfernungen auftreten. Selbst wenn das Wissen um diese Effekte vorhanden sei, verhindern die existierenden Anreizstrukturen häufig, dass diese in Betracht gezogen würden.
Vor diesem Hintergrund stellte sich Kinzig die Frage, wie die Berücksichtigung des gesamten Spektrums an Ökosystemdienstleistungen, die spezifische Landschaften erbringen, und derjenigen, die von diesen profitieren, unter einer Bandbreite von Rahmenbedingungen sich auf das Management dieser Landschaften auswirke. Was sind die ökologischen und sozialen Bedingungen, die zu einem Auseinanderklaffen von globalen und lokalen Interessen bezüglich der Aufrechterhaltung von Ökosystemdienstleistungen führen? Diese Bedingungen, die einen Interessenausgleich zwischen den verschiedenen räumlichen Ebenen beim Management von Ökosystemdienstleistungen ermöglichten, sollten bei der Entwicklung von Mechanismen und Institutionen stärker beachtet werden.
Das fundamentale Problem bestehe Kinzig zufolge darin, die Verbindungen von Biodiversität, Funktion von Ökosystemen und Bereitstellung von Ökosystemdienstleitungen zu verstehen. Der Fokus aktueller Untersuchungen liege v.a. auf den Folgen der Veränderung von Biodiversität für die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen und weniger für die Bereitstellung von Ökosystemdienstleitungen. Die Richtung des Einflusses sei jedoch keineswegs klar. D.h. verschiedene Typen von Biodiversität könnten sich auf das Angebot spezifischer Dienstleitungen positiv oder negativ auswirken. Hinzu komme bspw. durch das Auftreten von Naturkatastrophen oder die Verbreitung von Krankheiten eine Bereitstellung von negativen Dienstleistungen (disservices) durch Ökosysteme. Die Komplexität von Ökosystemen setze voraus, dass eine Analyse verschiedene räumliche Ebenen berücksichtige, um ein suboptimalen Schutz natürlicher Ressourcen zu verhindern.
Kinzig kam zu dem Schluss, dass kein genereller Zusammenhang zwischen verschiedenen Arten von Biodiversität und wichtigen Ökosystemdienstleistungen bestehe. Es gebe einen Trade-off zwischen der durchschnittlichen Versorgungsleistung und deren zeitlicher Variabilität. Auch Regelungsleistungen reagierten unterschiedlich auf Veränderungen der Biodiversität. Kinzig plädierte für möglichst realistische Repräsentationen natürlicher Bedingungen im Rahmen von bio-ökonomischen Modellen, um das Risiko von Fehleinschätzungen des Beitrags der Biodiversität zu den verschiedenen Aspekten menschlichen Wohlergehens zu minimieren.

Die Ausweitung und die Intensivierung des internationalen Handels in den vergangenen Dekaden seien Charles Perrings (ecoSERVICES Group) zufolge nicht ohne Folgen für die Umwelt geblieben. Eine der negativen Auswirkungen, stelle die zunehmende Verbreitung von Krankheitserregern dar. Perrings verwies in seinem Beitrag darauf, dass ein positiver Zusammenhang zwischen dem durch sukzessive Handelsliberalisierungen verursachten Anstieg der Handelsvolumina sowie der Erschließung neuer Handelsrouten und der Wahrscheinlichkeit der Einschleppung und Verbreitung neuer Arten im importierenden Land existiere. Auf Grundlage der Angaben zu Volumina und Richtungen der Handelsströme ließe sich vorhersagen, welcher Spezies die Invasion eines neuen Habitats gelingen werde. Das WTO-Abkommen über sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen (SPS-Maßnahmen) ziele darauf ab, diese ungewollten Invasionen zu minimieren. Es setze somit den institutionellen Rahmen, in dem die Nationalstaaten Interventionen in den internationalen Handel vornehmen könnten. Dies begünstige reaktives und verhindere proaktives Handeln. Die SPS-Maßnahmen nützten dabei sowohl den importierenden Ländern, als auch den übrigen am Welthandel teilnehmenden Staaten, da diese dem Invasionsrisiko durch Exporte dieser Länder nicht oder nur im geringeren Maße ausgesetzt würden. Die jeweilige mit der Umsetzung dieser Maßnahmen beauftragte Institution solle diese dabei so einsetzen, dass der erwartete Nettonutzen maximiert werde. Die Importländer hingegen müssten die Kosten der Unterbindung der Einschleppung des Krankheitserregers und die Kosten dessen Invasion abwägen. Aufwendungen für SPS-Maßnahmen seien Perrings zufolge am wirkungsvollsten für gefährliche Erreger, die noch nicht eingeschleppt wurden. Wenn die Einschleppung eines Erregers nicht durch Importregulierung verhindert werden könne, bspw. weil der Erreger bereits eingeschleppt wurde, dann sei es suboptimal, zu dessen Abwehr derartige Aufwendungen zu tätigen. Je mehr die Handelsvolumina zunähmen, desto stärker würden Krankheitserreger weltweit verteilt. Da dies zu einer Verringerung der optimalen Aufwendungen für SPS-Maßnahmen führe, sei bei einer Zunahme des Welthandels mit einer Abnahme derartiger Investitionen und einer Vermischung der Pathogenpools zu rechnen.

Lucas Bretschger (ETH Zürich) ging unter Verwendung eines mehrsektoralen Modells, das die Nutzung nicht-erneuerbarer Ressourcen berücksichtigt und Innovationen endogen modelliert, der Frage nach, ob sich scheinbar unvorteilhafte Bedingungen wie schlechte Substitution der eingesetzten Ressourcen oder Bevölkerungswachstum auf nachhaltiges Wirtschaftswachstum auswirken. Er kam zu dem Schluss, dass schlechte Substitutionsmöglichkeiten nicht notwendigerweise einen negativen Einfluss auf nachhaltiges Wachstum haben müssen. Stattdessen könnten sie, zusammen mit einer zunehmenden Erschöpfung der verfügbaren Ressourcen, den strukturellen Wandel befördern. Investitionen im Forschungsbereich und der daraus resultierende Wissenszuwachs unterstützten dies. Bretschger zeigte darüber hinaus, unter welchen Annahmen Bevölkerungswachstum nicht nur keinen negativen Einfluss auf nachhaltiges Wachstums ausübe, sondern für den Erhalt eines nachhaltigen Konsumniveaus notwendig sei. Vorschläge zur Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsüberlegungen im Rahmen von Strategien zur Unterstützung der wirtschaftlichen Erholung, wie sie bspw. im Rahmen der Debatte über den Green New Deal diskutiert würden, seien Bretschger zu Folge mit Vorsicht zu bewerten.


John Roemer (Yale University) legte mit seiner auf das Anwendungsfeld der Erderwärmung bezogenen Analyse der Bedingungen für intergenerationale und intragenerationale Gerechtigkeit den Fokus auf eine konzeptionelle Säule der Nachhaltigkeitsökonomie. Wenn CO2-Emissionen ein öffentliches Übel (public bad) seien, dann stelle sich die Frage, wie die Rechte dieses herzustellen sowohl intratemporal, etwa zum heutigen Zeitpunkt verschiedenen Ländern, als auch intertemporal, d.h. verschiedenen Generationen, zugeteilt werden sollten. Die Lösung des intertemporalen Problems sei dabei die Voraussetzung für die Beantwortung der intratemporalen Frage. Die Analyse gesellschaftlicher Wohlfahrt im Zeitverlauf stelle ausgehend von den Überlegungen Frank Ramseys ein etabliertes Feld der Wohlfahrtsökonomie dar. Roemer zufolge lassen sich bei der für die Bewertung notwendigen Bestimmung der Wohlfahrtsfunktionen weder die nichtdiskontierte utilitaristische (undiscounted utilitarianism) noch die diskontierte utilitaristische Perspektive (discounted utilitarianism) ethisch rechtfertigen. Der Defekt der utilitaristischen Perspektive bestehe in deren problematischer ethischer Basis. Die Annahme eines unendlich-lebenden Durchschnittskonsumenten als ethisches Äquivalent einer Folge von Generationen von Menschen lasse sich auch nicht durch die Festlegung geeigneter Nutzendiskontraten im Zeitverlauf heilen. Hinzu komme, dass die Annahme, es werde zukünftigen Generationen besser gehen, die als eine der Rechtfertigungen für die Diskontierung gelte, inkohärent weil nicht unabhängig von den heute getroffenen Entscheidungen sei. Roemer plädierte für die Aufgabe des Utilitarismus als Basis einer intergenerationalen Ethik. Als alternative Grundlage verwies er auf das Konzept der Nachhaltigkeit.

Geir Asheim (University of Oslo) beschäftigte sich mit der Frage, ob die Nutzendiskontierung mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit im Allgemeinen und intergenerationaler Gerechtigkeit im Besonderen vereinbar sei. Einerseits werde die Nutzendiskontierung (discounted utilitarianism) von Kritikern als unakzeptable Benachteiligung zukünftiger Generationen beurteilt. Die Verwendung einer sehr niedrigen Diskontrate, wie sie der im Stern-Report verwendeten intergenerationalen sozialen Wohlfahrtsfunktion entspreche, erfülle hingegen das Kriterium der intergenerationalen Gerechtigkeit. Andererseits könne die Nutzendiskontierung als Schutz aktueller Generationen vor übermäßigen Opfern für zukünftige Generationen, für die angenommen werde, dass es Ihnen besser gehen werde, interpretiert werden. Asheim untersuchte, ob die Nutzendiskontierung tatsächlich im Widerspruch zur Gleichbehandlung zukünftiger Generationen und somit nicht im Einklang mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit steht. Er zeigte, dass eine erweiterte rangabhängige Nutzendiskontierung (extended rank-dependent utilitarianism) eine Gleichbehandlung unterschiedlicher Generationen selbst unter Gewährleistung des Grundsatzes strenger Anonymität (strong anonymity) ermöglicht.

 


 

Jeroen van den Bergh (Universitat Autònoma de Barcelona) grenzte in seinem Beitrag zunächst den Begriff der Nachhaltigkeit von dem der umweltbezogenen Externalität ab und wies auf die enge Verbindung der beiden Konzepte und die ihnen gemeine systemische Perspektive hin. Er stellte die Bedeutung der Klimathematik als einem der wichtigsten Felder im Bereich der Nachhaltigkeitsforschung heraus und führte die Gegensätze der sich in der Debatte über die Gestaltung des Klimawandels gegenüberstehenden Lager im Wesentlichen auf deren unterschiedliche (ethische) Annahmen zurück. Diese drückten sich in verschiedenen unterstellten sozialen Zeitpräferenzen aus. Van den Bergh verwies darüber hinaus auf eine Reihe von Themen, wie die Substituierbarkeit natürlicher Ressourcen (weak/strong sustainability), räumliche Aspekte von Nachhaltigkeit (spatial sustainability) und nachhaltigen Handel (sustainable trade), die im Prozess der Etablierung einer Nachhaltigkeitsökonomie unbedingt Beachtung finden müssten. Er präsentierte ein Modell, das auf Krugmans regionalökonomischem Kern-Peripherie-Modell aufbaut, dieses um die beiden letztgenannten Nachhaltigkeitsaspekte erweitert und es so ermöglicht, verschiedene räumliche Konfigurationen hinsichtlich der Kriterien „Wohlfahrt“ und „ökologischer Fußabdruck“ zu vergleichen. Darüber hinaus plädierte van den Bergh für eine spezifische Nachhaltigkeitspolitik, die nicht nur soziale, also sich nicht im engeren Sinne aus dem Eigeninteresse von Akteuren ergebenden Präferenzen (other-regarding preferences) sondern auch begrenzte Rationalität (bounded rationality) berücksichtige. Die Entwicklung von Lösungen, die den Prinzipien der Nachhaltigkeit gerecht werden, setze voraus, dass soziale Interaktionen und Rebound-Effekte nicht vernachlässigt würden. Van den Bergh knüpfte an die einführenden Bemerkungen von Baumgärtner an, indem er an die frühen Nachhaltigkeitsökonomen wie Boulding und Daly erinnerte, die mit Ihren Arbeiten die konzeptionelle Grundlagen für die heutige Nachhaltigkeitsökonomie gelegt hätten. Abschließend analysierte er das Verhältnis von Nachhaltigkeit und Wachstum. Er kritisierte die Fixierung auf die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts als verbreitetstem Indikator für gesellschaftlichen Fortschritt. Dies grenze die Suche nach Möglichkeiten, die allgemeine Wohlfahrt unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten zu steigern, zu stark ein. Stattdessen sollten alternative Indikatoren, wie sie bspw. von der Glücksforschung entwickelt wurden, breitere Verwendung finden.


Arild Vatn (Norwegian University of Life Sciences) stellte sich die Frage nach den für den Erhalt kritischer Umweltressourcen notwendigen institutionellen Reformen. Der Allmendecharakter einiger natürlicher Ressourcen, wie Wasser oder Luft, sorge für Interdependenzen bei deren Nutzung. Die Folgen dieser Interdependenzen seien bei jedweder Entscheidungsfindung zu berücksichtigen. Mit der Zunahme der Interaktionen erhöhe sich der hierfür nötige Informationsbedarf. Das Problem verschärfe sich durch Komplexität der Umweltsubsysteme, auf die menschliche Aktivitäten Einfluss hätten. Dies gelte besonders vor dem Hintergrund von verzögerten Effekten, Unsicherheiten und nicht-linearen Reaktionen. Das aktuelle Wirtschaftssystem basiere auf der Expansion menschlicher Aktivitäten. Die Bedeutung dieses Wachstums für die Zunahme der gesellschaftlichen Wohlfahrt in den technisch führenden Ländern nehme zwar einerseits ab. Andererseits stelle eine Abkehr vom Wachstumspfad dennoch eine Bedrohung für die Funktion dieser Wirtschaftssysteme dar. Dies werfe die Frage auf, ob die Wahl zwischen einer ökonomischen und einer ökologischen Krise verhindert werden könne. Vatn versuchte mittels einer institutionenökonomischen Analyse eine Antwort auf diese Frage zu geben.
Nachhaltige Entwicklung bedürfe der Koordination konfligierender Interessen. Diese Abstimmungsprozesse ließen sich mit Hilfe einer Taxonomie verschiedener Situationen als einfache oder als komplexe Koordinationsprobleme, die durch spezifische oder durch allgemeine Interdependenzen gekennzeichnet seien, kategorisieren. Die meisten nachhaltigkeitsbezogenen Themen gehören Vatn zufolge in die letztgenannte Kategorie, d.h. sie seien komplexe Koordinationsprobleme mit allgemeinen Interdependenzen. Vatn ging davon aus, dass sowohl Konfliktniveau als auch Koordinationsfähigkeit von der jeweiligen institutionellen Struktur abhängen, da Institutionen die Verteilung von Rechten und Verantwortlichkeiten, die Produktion und Verbreitung von Informationen, die Transaktionskosten sowie die Interessenlagen und Motivationen beeinflussten.
Vatn gab einen Einblick in die aktuelle (experimentelle) Verhaltensforschung, die die Annahme vielfältiger Motivationen, d.h. die Kontextabhängigkeit des Ausmaßes von Eigennutzorientierung bzw. Kooperationsbereitschaft, betone. Der jeweilige Kontext werde dabei als institutionelle Struktur interpretiert. Dies impliziere, dass kooperatives Verhalten durch die Unterstützung kooperativer Rationale befördert werden könne. Die bei der Lösung komplexer Koordinationsprobleme unter der Bedingung allgemeiner Interdependenzen anfallenden Kosten hingen Vatn zufolge von der institutionellen Struktur ab. Er analysierte inwiefern das aktuelle System von staatlichen ex-post Regulierungen aber auch alternative institutionelle Strukturen geeignet seien, die beschriebenen nachhaltigkeitsbezogenen Koordinationsprobleme zu lösen. Die betrachten Alternativstrukturen waren staatliche ex-ante Regulierungen, veränderten Unternehmensstrukturen sowie eine stärkere Verbreitung von Staats- oder Gemeinschaftseigentum. Er kam zu dem Schluss, dass zwar der verstärkte Einsatz hierarchischer Koordination und die Förderung kooperativer Rationale nötig seien, keine der existierenden oder alternativen institutionellen Strukturen allein hierfür jedoch geeignet sei. Nur eine institutionelle Reform, die verschiedene Regulierungsmechanismen verbinde und diesen Mix an die sich ändernden Notwendigkeiten anpasse, könne diese Koordinationsprobleme bewältigen.

Einigkeit bestand zwischen allen Workshopteilnehmern darin, dass eine Nachhaltigkeitsökonomie sowohl deskriptive als auch normative Dimensionen von Nachhaltigkeit berücksichtigen müsse. Die Heterogenität des Forschungsgegenstands erfordere zudem die Verwendung pluralistischer Methoden. Die Beschäftigung mit Verteilungsfragen und dem Umgang mit Unsicherheit stehen dabei im Fokus. Der Umstand, dass dies nicht nur im intra- sondern auch im intergenerationalen Kontext geschehe, mache eine systemische und dynamische Analyse notwendig. Die Beantwortung der Forschungsfragen der Nachhaltigkeitsökonomie setze darüber hinaus Offenheit für interdisziplinäre Forschung voraus.

 
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Dokumente

  • Flyer

    [PDF - 116,8 kB]

     (URL: http://www.wi-n.org/_media/Flyer_WS_Sustainability_Economics.pdf)